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Bei Bismarck.


 



 
 

Durchlaucht haben mir befohlen, Ihnen die Thür zu zeigen! sagte der Portier, als ich mich zum achten Mal bei ihm einstellte.

Sie brauchen mir die Thür nicht zu zeigen, sagte ich dankend, ich sehe sie von hier. Damit schritt ich auf sie zu, öffnete sie und stand vor dem deutschen Reichskanzler. Bekränzt mit Urlaub, erschien er mir fast noch größer als sonst, ja geradezu wie ein Mann von drei Etagen mit hohem Parterre. Ich trat näher, reichte ihm die Hand und sagte gerührt: Adieu! Leben Sie wohl!

Der Fürst, der einen Arbeitsrock trug, griff zum Stock.

Wollen Durchlaucht ausgehen? fragte ich ihn, indem ich mich etwas zurückzog.
Er warf den Stock wieder in die Ecke und streckte die Hand nach der Thür aus. Und diese Hand, Durchlaucht, rief ich begeistert aus, diese Hand, so mächtig, so stark, Nummer neundreiviertel, wollen Sie Deutschland entziehen, um es einem ungewissen Manteuffel zu überlassen?

Der Fürst schwieg.

Dieses Schweigen, sagte ich, spricht laut genug. Ich habe nie lauter schweigen gehört. Und darf man den wahren Grund kennen lernen? Das Reich tappt im hellsten Dunkel. Ein Officiöser zuckt die Achseln des andern, vergeblich zerbricht sich die Nationalzeitung den Kopf der Norddeutschen Allgemeinen. Niemand ist der Einzigste, der etwas weiß. Wie eine Wolke aus heiteren Blitzen senkte sich Ihr Urlaubsgesuch nieder, und seit jenem Moment weiß das Volk der Denker nicht, was es denken soll. Sind Sie wirklich so krank?

Der Fürst sagte Nichts.

Nun, nun, tröstete ich, man sieht es Ihnen nicht an, Durchlaucht machen den Eindruck, als seien Sie dazu bestimmt, einst noch greise Enkel auf Ihren spätesten Knien zu schaukeln. Aber Ihr körperlicher Zustand ist es nicht allein, in dessen Schuhe man Ihren Entschluß schiebt, man meint auch, daß die Affaire Stosch --

Der Fürst unterbrach mich nicht.

So ist es also wahr! rief ich aus, Sie räumen ihm das Portefeuille! Ich fühle mich einer Ohnmacht nahe! Denn nun ist es auch unzweifelhaft, daß hochgestellte Frauen, deren Namen, weil ich sie nicht kenne, mir die Discretion zu nennen verbietet, Ihre Pläne durchkreuzten, wodurch Sie veranlaßt wurden, Ihr Lauenburg einzureichen.

Der Fürst wollte klingeln.

Ich hielt ihn zurück, indem ich behauptete, ich hätte keinen Appetit, und fuhr fort: Durchlaucht, auch die Verlegung des Reichsgerichts nach Klein-Paris wird als einer der Gründe bezeichnet. Befindet sich die öffentliche Meinung mit dieser Annahme auf demselben Holzwege?

Der Fürst schwieg einen Augenblick, dann schwieg er weiter.

Ich verstehe, Durchlaucht, sagte ich, auch dies ist einer der Gründe, ich zweifelte keinen Augenblick daran, ich fragte nur, um aus Ihrem eigenen Munde die Bestätigung zu hören. Freilich soll auch die Aeußerung Lasker's von der in Deutschland herrschenden Regierungslosigkeit dem Faß schließlich noch einen seiner unzähligen Böden ausgeschlagen haben. Ist dem so?

Der Fürst deutete mir schweigend an, daß ich sehr beschäftigt sei und keine Zeit hätte, ihn auf sein vieles Nichtantworten noch weiter zu fragen.

Also auch Lasker hat Schuld, sagte ich, das dachte ich mir, Durchlaucht, und dann kann ich wohl auch annehmen, daß Sie Lust hatten, energisch gegen Rußland vorzugehen, und als man allerhöchsten Orts nicht darauf eingehen wollte, um Begnadigung zu lebenslänglichem Urlaub baten?

Der Fürst schwieg lebhaft. Ich unterbrach ihn, indem ich ihn frage: Haben Sie mir sonst noch Eröffnungen zu machen? Sofort schritt er auf die Thür zu und öffnete sie.

Unsere Unterredung war beendet. Ich freute mich, einen Vorwand zu haben, mich entfernen zu können. Denn ich hatte Eile, dem deutschen Volk endlich einmal ausführlich zu sagen, welche Gründe seinen ersten Staatsmann veranlaßt hatten, einen so wichtigen Schritt zu thun.

Nun kennt es sie.


 

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