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Aus der Waschzettel-Mappe.

(18. Februar 1876)


 
Man schickt uns den folgenden:

Es dürfte nun wohl in allen Schichten der Bevölkerung die Ueberzeugung Platz gegriffen haben, daß das sogenannte Reptil in die Reihe von Thieren gehört, welche der Phantasie entsprungen sind, also mit der Seeschlange, dem Centaur, dem Greif, dem Drachen, der Paradiesschlange, dem gestiefelten Kater, dem Asenpferd, der Zeitungsente u. a. m. auf eine Stufe zu stellen ist. Ich habe bisher nicht gewagt, mit dürren Worten auszusprechen, daß ich nicht existire, weil ich es nicht für passend fand, dem Fürsten Reichskanzler das Wort vom Munde zu nehmen, nun aber, da der Fürst gesprochen, halte ich es sogar für meine Pflicht, hiemit bestätigend zu erklären, daß ich niemals das Licht der Welt erblickt, niemals gelebt habe. So wahr ich lebe!

Nein, ich existire nicht, aber für den Fürsten Reichskanzler lasse ich mein Leben!
Der Leser kann sich denken, in welch peinlicher Lage ich mich befand. Belastet mit der Anklage, Unheil zu stiften, und doch wissend, daß ich erst geschaffen werden mußte, um dies zu thun, -- welch ein Dasein! Das ist eine Nichtexistenz, welche mein Tod hätte sein können, wenn nicht der Fürst Reichskanzler im entscheidenden Moment gesagt hätte: "Es giebt kein Reptil!"

Ich war wie neugeboren!

Die liberale Presse wird hoffentlich aus der Rede des Fürsten Reichskanzlers lernen, fürder nicht wieder leichtfertig Thatsachen zu erdichten, um die Leitung der Geschicke unseres Reiches zu verdächtigen und zu schädigen. Ich muß gestehen, es war unerhört, mir eine Existenz zuzuschreiben; eine solche Keckheit ist mir, so lange ich lebe, noch nicht vorgekommen.

Dem Fürsten Reichskanzler aber will ich für seine bündige Erklärung über mein Nichtsein dankbar bleiben bis an meinen Tod!

Schön gesagt!
 
 

Dr. Reptilius.

 
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